Verfasst von: RHS | Samstag, 28. Juli 2012

Zuwachs an Wissen? … Wissensgesellschaft? Enttäuschende Ansichten

Wir ziehen um: http://www.noosphaere.de/

 

Am 27.7.12 erschien in der netzwelt ein Artikel mit der Überschrift „Kommentar: Der Mythos von der Wissensgesellschaft“ und da mich der Begriff ‚Wissensgesellschaft‘ schon seit langem ärgert, hoffte ich, hier einen „Bruder im Geiste“ zu finden, doch es war mal wieder nur die halbe Wahrheit (sofern überhaupt irgend jemand über diese verfügen sollte).

Es stellt sich die Frage, welchen Zweck es hat, eine ganze Gesellschaft, wobei selten differenziert wird, ob es sich dabei um die eigene nationale Gesellschaft, die Gesellschaft der sog. westlichen Zivilisation oder die gesamte ‚Weltgesellschaft‘ handelt, mit einem einzigen Begriff zu kategorisieren.
Sicherlich steht diese Form der Bezeichnung in einer langen Tradition, die die Gesellschaft (welche?) in eine Agrargesellschaft, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft oder Informationsgesellschaft gemäß ihrer dominanten Wirtschaftskraft einteilt. Die Landwirtschaft, die Industrie oder auch den Dienstleistungssektor als herausragenden Wirtschaftsmotor zu einer Gesellschaft hinzuzuordnen leuchtet noch ein. Welchen Nutzen aber hat die Fokussierung auf ‚Information‘ oder gar ‚Wissen‘? Dass Information schon immer zur menschlichen Kultur bzw. zum Dasein des Menschen gehört, ist trivial und zu selbstverständlich, um eine Gesellschaft danach zu bezeichnen, wenngleich Information durchaus als zu handelndes Gut angesehen werden kann. Aber Wissen kann nicht gehandelt werden, da es seinen Träger (das menschliche Gehirn) nicht verlassen kann. Es kann lediglich zu vermitteln versucht werden, um dann beim Adressaten durch Appropriation wiederum in Wissen umgewandelt zu werden.

Gelinde gesagt ist der Begriff ‚Wissensgesellschaft‘ eine reine Worthülse, die vor allem dazu dient, der Politik und den Medien, wobei es sich hierbei eigentlich immer um mehr oder minder intelligente Vertreter der jeweiligen Instanz handeln sollte, ein scheinbar reales und von jedem irgendwie verstandenes Phänomen-Vehikel zu liefern, mit dessen Hilfe beliebige Meinungen und Ansichten transportiert werden können.

Neben der Sinnfreiheit des Begriffes an sich, zurück zum Netzwelt-Artikel: Wie so oft werden hier die Begriffe ‚Wissen‘, ‚Information‘ und ‚Daten‘ wild durcheinander geworfen und in diesem Fall einfach unter ‚Wissen‘ subsumiert.

Wenn ein Bild eine höhere Auflösung hat, wird gerne von höherem Informationsgehalt gesprochen, was fraglich ist, denn im Grunde handelt es sich dabei um ungeordnete Daten einzelner Pixel, die sich höchstens im Kontext des Bildes selbst zur Information mausern kann, sicherlich aber nicht zu einem wie auch immer gearteten Wissen.

Die auch in diesem Artikel wiedergekäute scheinbar immer schneller vonstatten gehende „Verdoppelung des Wissens“ handelt im Grunde lediglich von der „Verdoppelung der Daten“ in einigen Fällen von der „Verdoppelung der Information“ (insbesondere Informationen über Nutzer von social communities). Von einer „Verdoppelung des Wissens“ könnte man nur dann sprechen, wenn es möglich wäre, die intellektuellen Kapazitäten menschlicher Gehirne messen zu können (was nach meiner Information bisher nicht funktioniert).

Die durch die Informations- und Kommunikationstechnologien bereitgestellten Daten und Informationen finden immer seltener Einzug in das Wissensnetzwerk des Einzelnen, sondern werden vielmehr externalisiert und sind potentiell verfügbar. Was allerdings diese scheinbare Omnipräsenz von Information im Netz bzw. auf diversen (mobilen) Endgeräten angeht, so bedeutet das Verfügbarmachen keinesfalls Gefundenwerden geschweige denn Wissen. Wir bestätigen zumeist eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften, die Faulheit, und beschaffen unsere Informationen nach dem Windhundprinzip: die erstbeste wird übernommen, weiteres Recherchieren bleibt eher eine Seltenheit.

Ich würde mich freuen, würde man statt von „Wissensgesellschaft“ und „Verdoppelung des Wissens“ öfter von „(Informations- und Kommunikations-) Technologiegesellschaft“ und „Verdoppelung latenter Information“ sprechen.


Responses

  1. Was meinen Sie mit

    … wieder nur die halbe Wahrheit (sofern überhaupt irgend jemand über diese verfügen sollte).

    Wollen Sie damit andeuten, dass es so etwas wie die halbe Wahrheit nicht gibt. Entweder ist etwas falsch oder richtig, ein dazwischen gibt es nicht.

    Oder wollen Sie damit andeuten, dass niemand über genug Wissen verfügt um mindestens die halbe Wahrheit wissen zu können?

    Oder etwas ganz anderes?

    • Hallo Gedankenmacher,

      was ich meinte, war, dass ich bezweifle, dass irgendjemand im Besitz der ‘ganzen Wahrheit’ ist. Gerne können wir aber auf der neuen Heimat meines Blogs: http://noosphaere.de//?s=wissensgesellschaft weiter diskutieren🙂

      Ralf.


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