Verfasst von: RHS | Samstag, 2. Februar 2008

Anglizismen – ’stummer‘ Schrei nach Anerkennung?

Pieter Brueghel der Ältere: Turm zu Babylon

Wir ziehen um: http://www.noosphaere.de/

Die meisten haben sich bereits an ihn gewöhnen müssen: den Anglizismus.

Die unternehmerische Welt der Global Player kann sich ohne englische Begrifflichkeiten bzw. Neologismen nicht verständigen, da ihnen sonst, aufgrund heterogener Unternehmenskulturen, das zur Verständigung unabdingbare gemeinsame Lexikon fehlen würde. Auch die IuK-Technologien nutzen Anglizismen oder zumindest Akronyme derselben in inflationärer Weise, da in ihrer zumeist virtuellen, über den ganzen Globus verstreuten Teilöffentlichkeit, die kulturelle Vielfalt keine Rolle zu spielen scheint. Man redet sich ein, man unterhielte sich schließlich über sachliche Codes, die den Menschen im Grunde nicht wirklich brauchen.

Die Menschen spalten sich wie so oft in drei Gruppen, wird man auf Sinn und Unsinn dieser Entwicklung angesprochen. In diejenigen, die das Aufblühen der Anglizismen begrüßen, wozu man wohl die gesamte anglophone Welt und die ökonomische Arbeitswelt zählen darf – in diejenigen, die diesem ’neumodischen Zeug‘ gleichgültig gegenüber stehen, da sie englische Wörter höchstens aus dem Fernsehen kennen und sich nicht als global vernetzt bezeichnen würde – und natürlich in diejenigen, die mit warnend hochgezogenen Augenbrauen vor der anglophonen Invasion warnen (allen voran der Verein Deutscher Sprache e.V.).

Doch was veranlasst die Menschen, Anglizismen zu verwenden? Woher kommen sie?

Betrachtet man eine neue Studie von Atkinson/Meade/Venditti/Greenhill/Pagel ‚Languages Evolve in Punctuational Bursts‚ (Science 1 February 2008: Vol. 319. no. 5863, p. 588) entwickeln sich Sprachen genau dann sehr vielfältig, wenn sie sich von ihrer Muttersprache abspalten. Diese Abspaltung beruht natürlich auch auf der Abspaltung einer Gruppe von Menschen, wie es bei essentiellen Ereignissen („critical times of cultural evolution, such as during the emergence of new and rival groups“), z.B. bei Hungersnöten, Klimaveränderungen, Territorialisierungsprozessen oder Kriegen, der Fall ist.

Erkennt man die ‚Anglizismen-Schwemme‘ als solch eine schnelle Veränderung („rapid burst“) stellt sich die Frage, was in diesem Fall der „critical times“ entspricht. Haben wir es hier mit einem gewollten oder fremdbestimmten Exodus der Unternehmerwelt zu tun? Werden die aktiven Mitglieder der Informationsgesellschaft aus der realen Öffentlichkeit in eine virtuelle verdrängt?

Die Gesellschaften haben zwei Möglichkeiten, dieser Abspaltung entgegenzuwirken:

  1. man holt die Emigranten wieder zurück in den Schoß der Muttersprache
  2. oder man lässt die ‚Flüchtlinge‘ ziehen, um sich neue Territorien zu erschließen.

Die erste Alternative erscheint mir wenig sinnvoll, da wir es bei dieser virtuellen Bevölkerungsbewegung mit einer Art ‚brain-drain‚ zu tun haben, der so etwas wie ein ’network-drain‘ darstellt. Ganze Netzwerke lagern sich über ihr und mit ihrem Lexikon aus dem heterogenen Sprachgemisch einer Gesellschaft mit ihren gut miteinander kommunizierenden Teilöffentlichkeiten aus. Damit gehen der Gesellschaft an sich essentielle Säulen verloren, die es zu reintegrieren gilt. Je länger die abgespaltete Teilöffentlichkeit, die ihre Sprache immer mehr zu kultivieren und zu entwickeln versteht, von ihrer ‚Mutter-Öffentlichkeit‘ entfernt bleibt, umso schwieriger stellt sich die nachträgliche Reintegration dar.

Wir müssen also dafür Sorge tragen, das die ausgerissenen Kinder wieder nach Hause kommen, denn die wachsende Zahl der Anglizismen ist ein gar nicht so stummer Schrei nach Anerkennung.

Siehe auch: Nature und bild der wissenschaft.


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